Eine schwarze Box am Dach
Seit gestern hängt am Dachgeschoss meines Wohnhauses eine kleine schwarze Box, die ich heute Morgen kurz im WLAN-Netz meiner Wohnung gesucht und dort tatsächlich gefunden habe. Sie wird von einem Solarpanel versorgt, hat zwei Antennen abstehen, und tut etwas, das ich vor zwei Wochen noch unter „Funktelegrafie für Aluhut-Träger" einsortiert hätte. Sie spricht eine Sprache, die LoRa heißt, und sie tut das in einem Netz, das ich nicht erfunden habe, sondern entdeckt.

Meshtastic ist Open-Source-Firmware für günstige Funkmodule. Sie nutzt das lizenzfreie 868-MHz-Band, sendet mit wenigen hundert Milliwatt, schickt aber dank schmaler Bandbreite und cleverer Modulation Pakete über Strecken, die jeder WLAN-Verbindung Hohn sprechen. Mein Knoten am Dach hört aus achtzehn Kilometern Entfernung einen anderen Knoten irgendwo in der Pfaffenwinkler Hügelkette. Die Datenrate ist überschaubar, ein paar hundert Zeichen pro Sekunde an guten Tagen, was Tweets und SMS möglich macht und sonst nicht viel. Es gibt keine SIM-Karte, keine Provider-Anmeldung, kein Tarifmodell, keinen Cloud-Service. Die Knoten sprechen miteinander der Reihe nach, in einem Maschen-Netz, das sich selbst zusammenflickt, wenn ein Glied wegfällt.
So weit die Technik. Der spannende Teil ist die Konsequenz daraus.
Als ich den Knoten gestern Abend zum ersten Mal am Schreibtisch in Betrieb genommen habe, hat er sechs andere Knoten gesehen. Sechs. Ich habe mir gedacht, viel Spektakel um sehr wenig Substanz, das ist offenbar ein Hobbyfunk-Nischenprojekt, in dem man sich gegenseitig „Hallo Test" zuruft und nichts weiter. Heute, vom Dach aus, sind 91 Knoten online. Von Lochham bis hinüber zu einem Mast irgendwo Richtung Wessobrunn. Knoten in Privatgärten, Knoten an Hauswänden, ein Sensorknoten im Wald, ein Solar-Repeater auf einem Hügelkamm. Eine still gewachsene lokale Infrastruktur, die ich vorher schlicht nicht hatte hören können, weil mein vorheriges Gerät im Wohnzimmer-Erdgeschoss saß und vier Wände zwischen sich und der Welt hatte.

Genau diese Erfahrung, dass eine Community schon da ist und nur darauf wartet, dass man eine Antenne hoch genug aufhängt, war die Pointe des Tages. Es ist nicht so, dass digitale Souveränität gegen ein Vakuum kämpft. Sie kämpft gegen Sichtbarkeitslosigkeit. Wer einen Mesh-Knoten in der Wohnung versteckt, hört nichts und schließt daraus, dass es nichts zu hören gibt. Wer ihn aufs Dach hängt, merkt, dass die Nachbarschaft die ganze Zeit funkt.
Der Knoten am Dach hat einen Namen, der außerhalb meiner üblichen privaten Pandolin-Linie liegt. Er heißt nicht „pandolin.io etwas", wie alle anderen Meshtastic-Geräte, die ich persönlich betreibe. Er heißt OSC1. Isar OSC Base 1. Das ist der erste sichtbare Beitrag des Vereins in Gründung zum Münchner Mesh.
Isar OSC ist ein Linux- und Open-Source-Community-Verein im Aufbau, mit dem geografischen Bezugspunkt der Isar und dem inhaltlichen Bezugspunkt freier Software und freier Infrastruktur. Eine Handvoll Gründungsmitglieder aus dem Münchner Raum hat den Verein angelegt, plant monatliche Treffen und betreibt schrittweise eigene Infrastruktur in eigener Verantwortung. OSC1 ist unser erstes Funk-Asset in einem öffentlichen Netz. Wenn weitere Mitglieder mit eigener Mesh-Hardware als client_base dazustoßen, sind OSC2, OSC3, OSC-Krailling, OSC-Schäftlarn als Namensschema vorgemerkt. Die einzelnen Knoten werden weiterhin von einzelnen Menschen betreut, der Verein stellt das Namensraum-Dach.
Was hat das mit Souveränität zu tun, abgesehen vom funkkulturellen Bauchgefühl? Erstens, es ist Infrastruktur, die niemandem gehört. Die Firmware ist Open Source, die Funkfrequenzen sind freie ISM-Bänder, die Hardware ist eine 24-Euro-Platine. Keine zentrale Autorität kann sie abschalten, kein Geschäftsmodell sie verteuern, kein AGB-Update sie umdefinieren. Zweitens, sie ist lokal. Die Pakete laufen nicht durch Redmonder Rechenzentren und nicht durch Dubliner Cloud-Regionen, sondern von Antenne zu Antenne, im Umkreis weniger Kilometer. Drittens, sie ist Praxis. Niemand schreibt eine wissenschaftliche über das mögliche Funknetz, das man irgendwann einmal aufbauen könnte. Man hängt eine Box ans Dach, und ab dann ist sie Teil davon.
Wer einen Heltec-Knoten in der Schublade liegen hat und im Süden Münchens wohnt, ist eingeladen, ihn zu flashen und mitzumachen. Wer keinen hat, besorgt sich einen für etwa 24 Euro, das passende Solar-Set für weitere fünfzig, eine vernünftige 868-MHz-Antenne ist schon im Lieferumfang. Insgesamt also rund 75 Euro für eine selbstgebaute Solar-Mesh-Station, die Tag und Nacht durchläuft und etwas in eine Region bringt, in der vorher Stille war. Oder genauer gesagt, in der vorher nur Stille zu sein schien.
OSC1 ist seit gestern, den 06.06.2026 online. Wenn jemand im Würmtal oder im Münchner Großraum mitliest und Lust hat, an Isar OSC anzudocken, bei einem Treffen vorbeizuschauen oder einen eigenen Knoten ans Dach zu hängen, melde sich gerne. Per Funk übrigens auch gern. Wenn alles gut geht, hört OSC1 mit.